Geldbeutelwäsche

SWR Fernsehen: Landesschau aktuell Baden-Württemberg vom 10.2.2016 | 19.30 Uhr – „Närrische Trauer um das schöne Geld“

Wenn man das Buch von Hansjakob "Haslacher Leut" liest, fällt u.a. ein Kapitel auf, das sich mit dem Wolfacher Bürger und Narrenvater "Theodor dem Seifensieder" (um die Mitte des 19. Jahrhunderts) befasst. Dabei heißt es in diesem Kapitel wörtlich: "Am Aschermittwochnachmittag begruben die Wolfacher die Fastnacht. Ein Strohmann wurde von 4 Mann durch die Straße getragen und die Herren gingen hintennach. Vor dem Tore ward er in einem Acker beerdigt. Hierauf begab sich der Zug zum Stadtbrunnen zurück, allwo die leeren ledernen Geldbeutel gewaschen wurden."

Das zeigt auf, dass die Geldbeutelwäsche in Wolfach eine lange Tradition hat, die wie alles, durch Kriegseinwirkungen immer wieder unterbrochen wurde.

So auch durch den 1. Weltkrieg. Die 1. Fasnet nach diesem Krieg fand im Jahre 1924 statt. Dieses Datum kann auch für die "Wiedergeburt" der Geldbeutelwäsche herangezogen werden. Sie war keine besonders große Fasnet, war jedoch vor allen Dingen für die Jüngeren seit langer Zeit wieder eine Möglichkeit zu sorgloser Freude und Ausgelassenheit. Dementsprechend stellte sich dann auch am Aschermittwoch die entsprechende Katerstimmung ein.

Der Körper war schwach, doch der Geist noch rege, sodass der Entschluss gefasst wurde, den Kater mit einem Hering zu vertreiben. Und auf ging´s zum Gemischtwarengeschäft A. Albanus (neben dem Hechten). Dort wurde pro Mann 1 Hering und eine Scheibe Schwarzbrot erstanden. Im Laden reichte der Platz nicht zum Sitzen, so dass Frau Albanus kurzentschlossen einen Tisch und 4 Stühle auf den Bürgersteig stellte. Das Besteck folgte nach.So erging es auch einer kleinen Gruppe von Wolfachern, die sich zur Mittagsstunde in der Stadt zusammenfand: der "Käpsele" (Ludwig Vivell, Eisenhandlung), der Benemi (Ben Endres, Grüner Baum), der Ulmriche-Hans (Kaufm. Angestellter bei der Fa. A. J. Trautwein) und der Sandfuchs Albert.

Der Hering und das Brot schmeckte, nicht aber das darauffolgende Bezahlen. Alle 4 öffneten ihren Geldbeutel und schütteten den Inhalt auf den Tisch. Gerade noch genug für den Hering. Das reichte aber aus um die Lebensgeister zu erwecken, worauf einer den Vorschlag machte, nun zum Stadtbrunnen zu marschieren und dort die leeren Geldbeutel zu waschen. Gesagt, getan. Im Gänsemarsch ging´s, den offenen Geldbeutel in der Hand zum Stadtbrunnen, gefolgt von einem kleinen, aber neugierigen Publikum. Dort wurden die Geldbeutel mit der Hand gewaschen, während Hans Ulmrich, immer wieder in den offenen Geldbeutel schauend, jämmerlich zu heulen begann.

Am Aschermittwoch 1925 besann man sich wieder auf diese Geldbeutelwäsche und führte sie dieses Mal ohne das vorherige Heringsessen durch. Immerhin waren schon 7 Wäscher beteiligt. Da auch das Publikum schon dort zahlreicher wurde, beschloss man, die Wäsche wieder jährlich durchzuführen und im kommenden Jahr mit schwarzem Rock und schwarzem Zylinder zu erscheinen. Dies geschah dann auch im Jahre 1926, wo auch erstmals zur Klagemauer beim Finanzamt geschritten wurde. Gleichzeitig wurde auch eingeführt, dass die Wäscher nach der Wäsche einen "Schlußschoppen" in der Krone einnehmen. Alsbald beteiligte sich auch Kronenwirt Hans Allgeier an der Wäsche und stiftete als Ersatz für den fehlenden Hering jeweils eine große Portion Stockfisch.

In den dreißiger Jahren hingen dann die Geldbeutel und Wurzelbürsten bereits an Bohnenstangen, die von den Wäschern getragen wurden und der Anzug hatte sich ganz auf schwarz vervollständigt. Die Zahl der Wäscher schwankte dort bereits schon zwischen 16 und 20. Die Wäsche wurde weit über die Stadtgrenze hinaus bekannt und so war es nicht verwunderlich, dass oft mehr als 1000 Zuschauer dabei waren.

Auch im Rundfunk und in der Presse wurde die Geldbeutelwäsche hinausgetragen. Die große amerikanische Filmgesellschaft Paramount News nahm neben dem Karneval in Köln und Nizza auch die Geldbeutelwäsche auf, die dann in Wochenschauen zu sehen war.

Nach dem 2. Weltkrieg fand dann die 1. Wäsche im Jahre 1948 statt. Langsam war es Brauch geworden, dass die Wäscher ihren Schlußschoppen nach Moralpredigt und Stockfischessen in der Krone ausdehnten. So wurde dem damaligen Narrenvater Erwin Haas jeweils ein Besuch abgestattet, der sie dann auch kräftig mit Schnäpsen traktierte. Anschließend ging‚s öfters dann zum "Zuckerbeck" Albert Armbruster oder zum "Krizbua" Friedbert Schrempp, die beide ebenfalls aktive Wäscher waren.

1953 wurde dann die Wäsche mit dem Besuch des Rathauses erweitert, wo im Amtszimmer des Bürgermeisters eine feierliche Wäschersitzung mit der Wiedereinsetzung des Bürgermeisters stattfand. 1954 stiftete der damalige Bürgermeister Arthur Martin einen neuen Orden, nämlich das "Großkreuz der Armut", das alljährlich an einen verdienten Wäscher vergeben werden sollte.

Und so ist es bis heute geblieben. Die kleine Gruppe der Geldbeutelwäscher hält auch nach vielen Jahren der "Wiedergeburt" an den alten Traditionen fest und wird versuchen, sie auch für die nächsten Generationen zu bewahren.

(Aus Überlieferungen von Albert Sandfuchs)