Nasenzug

Der Nasenzug in der Freien Narrenzunft Wolfach

VON Wilfried Schuler

 

Auch die schönste Fasnet geht einmal zu Ende. Und so ist auch der Wolfacher Fasnet dieses Schicksal beschieden. Nach vielen Veranstaltungen und inzwischen bereits 10 Umzügen bereiten sich die Wolfacher Männer auf ihren Umzug vor.   Er ist der letzte Fasnetsumzug vor Aschermittwoch. Man trifft sich vor dem Schlosstor, wo auch die meisten anderen Umzüge be-ginnen. Kurz bevor das Tageslichtallmählich schwindet treffen sich um 17 Uhr am Fasnetszieschdig über 300 Männer und Buben am Magnolienbaum. Den Frauen und Mädchen ist es nicht erlaubt, an diesem Umzug teilzunehmen. Wird dennoch eine erwischt, wird sie ungeachtet der herrschenden Witterung in den Stadtbrunnen geworfen.

Die Männer und Buben tragen ihre Kittel lätz herum, d. h. die Innenseite nach außen gekehrt zur besseren Auslüftung. Den obligatorischen Hut schmückt keine bunte Vogelfeder, sondern ein schlichter Holzspan, ein „Reifschniederspan“. Selbstverständlich gleicht keine Nase der anderen. Hier erkennt man Improvisationskünstler und kreative Talente aller Stilrichtungen. Manche präsentieren sogar lokale oder gesellschaftliche Themen en miniature auf ihrem Zinken. Auch bei den mitgeführten Krachinstrumenten stammen die allerwenigsten aus einer Musikalienhandlung. Ob Kuhhörner, Topfdeckel, Schellen, ja auch Autofelgen und Kreissägeblätter sind unter anderem zu hören, denn ein kräftiger Lärm (die Nasenzügler nennen es ihre Musik) kündigt das Ereignis schon von weitem an. Als Gürtel dient ein einfaches Rinderseil, mit dem sich manche aneinander binden, um Verirrungen zu vermeiden.

Denn jetzt setzt sich ein langer Gänsemarsch Mann hinter Mann in Bewegung. Voraus geht der Nasenzuganführer. Mit seinem bunt geschmückten Kehrausbesen zeigt er an, was die Stunde geschlagen hat. Im Zickzack und Mäander auf einem nicht festgelegten Weg schlängelt sich der Zug durch sämtliche Winkel und Gassen aber auch Gaststätten der Stadt. Auf dem Marktplatz erwarten sie Tausende von Zuschauern. Sie alle warten gespannt auf das Spektakel, wenn sich ein weibliches Wesen im Zug versteckt hätte. Denn wenn der Nasenzug die Stufen des Gasthauses „Kreuz“ hinunterschreitet sind es nur noch wenige Schritte bis zum Stadtbrunnen. Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr. Wer immer sich als Frau in den Zug eingeschlichen hat, wird von Männerhänden hochgehoben und ohne Federlesens in den Stadtbrunnen geworfen. Die Damen revanchieren sich durch mehr oder weniger kräftiges Plantschen, so dass nicht nur die Nasenzügler sondern auch einige umstehende Neugierige von der nassen Pracht etwas abbekommen. Ungerührt setzt der Zug seinen Weg fort. Inzwischen ist die Dämmerung hereingebrochen. Kaum findet sich noch ein Zuschauer am Weg – die Nasenzügler sind jetzt unter sich. Sie vergessen auch nicht, an der Friedhofsmauer vorbeizuziehen. Hier wird manches Horn leiser oder setzt ganz aus. Das Ende der Fasnet in Form des Nasenzuges begegnet dem Ende des menschlichen Lebens. Mancher stille Gruß und Dank weht ungehört über die Mauer hinüber.
Durchs Nasenzüglergässle geht es über den Gassensteg dem Ende entgegen. Nach eineinhalb bis zwei Stunden ohne Haltepause treffen die inzwischen von einer eigenartigen Stimmung erfassten Teilnehmer an dem alten Lindenbaum im Schlosshof ein. In der nun hereingebrochenen Dunkelheit umkreisen sie ihn in einer großen, sich immer enger zusammenziehenden Schnecke, der Höhepunkt zum Schuss. Wenn der Nasenzuganführer, auf der Holzbank um die Linde stehend, seinen Besen über den Köpfen schwingt, verstummt allmählich die Musik. Er animiert die Anwesenden noch einmal, ihre Freude über die Fasnet hinauszujubilieren. Die alten Wolfacher Fasnetssprüche werden noch einmal inbrünstig deklamiert. Nie klingen sie schöner, als aus dreihundert Männerkehlen im Echo des umbauten Schlosshofes. Dann muss der Besenschwinger sie allerdings darauf aufmerksam machen, dass bald die Fasnet "e Loch hot", worauf ein Seufzen und Wehklagen das gestandenste Mannsbild durchzittern lässt. Darum kann er sie nicht entlassen, ohne ihnen den Hoffnungsschimmer mitzugeben, dass es ab morgen „scho wieder degege goht.“

Josef Krausbeck schreibt in seinem Heft: „Wolfacher Fasnet“: „Gegen 1850 wird auch der Nasenzug erwähnt, der als reiner Männer-Umzug und Umzug der männlichen Jugend noch an alte Sitten erinnert, dass die Fasnet ursprünglich nur eine Männersache war.“
In seiner Beschreibung „Masken unserer Stadt“ von 1974 widmet er dem Nasenzug einen ausführlichen Beitrag. Er bezeichnet ihn als „geradezu festlichen Abschluss der Wolfacher Gassenfasnet“. Er notiert aber auch, dass es dabei in früheren Jahren wohl auch Missstände gegeben haben muss, sodass „die Leute bei seinem Nahen rasch Tür und Tor abschlossen“. Nach dem ersten Weltkrieg wurde der Umzug jedoch erneuert und von seinen Missständen befreit. Auch er beschreibt, dass schon damals teilnehmende Mädchen in den Stadtbrunnen getunkt werden. So hat sich in Ablauf und Erscheinungsbild nichts Wesentliches geändert und dadurch wird deine große Beständigkeit bewiesen.
Bei Otto Schrempp in seinem Beitrag zur Festschrift zum Narrentreffen 1995 kann man lesen: (Der Nasenzug ist): „…eine echte Wolfacher Spezialität! Er gilt als der urigste aller Umzüge, …“ Auch er beschreibt ihn als vom Abschiedsschmerz geprägt. Er zitiert aus der Metzger August’ schen Chronik: „Und zuletzt folgt noch beim Kehraus der famose Nasenzug, von welchem sich sagen lässt: Und das war dann das End vom Lied, dass man toll und voll auseinanderschied“! Schrempp weist auch darauf hin, dass es sich anfänglich um Spontanaktionen gehandelt haben muss, denn er wurde in Narrenfahrplänen und Presse nicht genannt. Dies erfolgte erst ab 1931. In den 30-er Jahren wurde erwähnt, dass im Anschluss an den Nasenzug ein Fasnetsverbrennen organisiert wurde, was auch in den 20-er Jahren bereits stattfand.
In dieser Zeit war Rudolf Schmidt Anführer. Sein Nachfolger war ab 1949 Josef Krausbeck. Ab 1962 übernahm Walter Schmider, nachdem er schon einmal als Vertretung eingesprungen war, für 40 Jahre den Kehrausbesen. Ihm folgte Wilfried Schuler, der seit 2001 besenschwingend den Lindwurm der Nasenzügler um die Stadt führt.

Elmar König schrieb einmal im „Schwarzwälder Boten“:
So wie der Wohlaufzug aus der Nacht in den leuchtenden Schellemendig hineinläuft, so marschieren die Nasenzügler aus den wonnigen Tagen der Fasnet in die tiefe Nacht der Fastenzeit.

Die Wolfacher würden dazu sagen: „Nit blähre, s goht scho wieder degege!“

Wie hieß es also 1886 in einer schriftliche Erwähnung:
„Nasenzug im Gänsemarsch und Schluß!“

Zum Weiterlesen:
Josef Krausbeck: Wolfacher Fasnet o. J.
Josef Krausbeck: Masken unserer Stadt, Stuttgart 1974
Otto Schrempp: Festschrift der Freien Narrenzunft Wolfach zum Narrentreffen 1995
Frank Schrader: Fasnetbuch


Auch der Narrenbote schrieb 2012 einen Artikel über den Nasenzug: